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Kakovatos und Triphylien in mykenischer Zeit

Kakovatos bezeichnet einen bedeutenden Fundort der frühmykenischen Epoche Griechenlands (ca. 16.-15. Jh. v. Chr.) an der Westküste der griechischen Halbinsel Peloponnes, der durch die Ausgrabung von drei Kuppelgräbern durch Wilhelm Dörpfeld (1907-8) bekannt wurde. Aufgrund der Funde aus diesen Gräbern spielte der zugehörige Siedlungsplatz auf der sog. Akropolis, die sich südlich über den genannten Gräber erhebt, in dieser Periode wahrscheinlich eine bedeutende Rolle in der sie umgebenden Landschaft Triphylien, blieb bislang aber nahezu unerforscht. Neue Untersuchungen sollen den Charakter und die Chronologie dieser Stätte erschließen.

Kakovatos von Norden

„Geschichte spielt nicht nur in der Zeit, sondern auch im Raum.“ „Es gibt keine Geschichte im Nirgendwo. Alles hat einen Anfang und ein Ende. Alle Geschichte hat einen Ort.“ In seinem Buch „Im Raume lesen wir die Zeit“ hält Karl Schlögel (2006) ein Plädoyer für die Besinnung auf die geographische Dimension der Geschichte und formuliert in anschaulichen Beispielen die Forderung, Vergangenheit in der Erschließung und Nutzung des geographischen Raums durch den Menschen zu betrachten. Diese Perspektive trifft sich mit einem traditionellen Anliegen der archäologischen Feldforschung und historischen Geographie, die Geschichte der Menschheit zu verorten und damit den geographischen Aspekten der Vergangenheit im wahrsten Sinn des Wortes ihren gebührenden Platz einzuräumen.

Kakovatos DörpfeldIn diesem Sinne beschäftigt sich das Projekt Kakovatos mit der historischen Siedlungsgeographie der Landschaft Triphylien in der westlichen Peloponnes während der späten Bronzezeit, d.h. der mykenischen Periode Griechenlands (ca. 16.-11. Jh. v. Chr.). Anhand der archäologischen Erforschung der Siedlung von Kakovatos und der Aufarbeitung von noch unveröffentlichten Materialien aus weiteren Orten innerhalb der Region sollen neue Erkenntnisse über die diachrone Erschließung der Siedlungskammer Triphylien im 2. Jt. gewonnen werden. Seit den Grabungen von Wilhelm Dörpfeld und Kurt Müller ist der Hügel östlich der heutigen Ortschaft Kakovatos (Kreis Zacharo, Nomos Elis) als bedeutender Fundplatz der frühmykenischen Epoche bekannt. 1907-08 legte Dörpfeld hier drei Kuppelgräber frei, die Keramik der Periode SH IIA (ca. erste Hälfte des 15. Jh.s v. Chr.) und gleichzeitige Funde aus Gold, Halbedelsteinen und Bernstein erbrachten. Diese Funde veranschaulichen die überregionalen Beziehungen, welche die frühmykenischen Bewohner von Kakovatos mit anderen gleichzeitiger Siedlungen im südlich gelegenen Messenien, aber auch mit jenen der Argolis unterhielt.

W. Dörpfeld identifizierte die Siedlung mit dem in der Ilias Homers mehrfach genannten Herrschersitz des Helden Nestor, dem sog. Sandigen Pylos. Dörpfeld legte außerdem Schnitte auf dem Hügel der sog. Akropolis an, der sich in südlicher Richtung über den Tholosgräber befindet. Diese Grabungen sind nie umfassend veröffentlicht worden. Zu den von W. Dörpfeld ergrabenen Bauresten auf dem Akropolisplateau gehören dicke Mauern mindestens zweier rechteckiger Raumstrukturen. Einer dieser Räume wies zwei Säulenstützen auf, und ein plattenbedeckter Kanal verlief unter dem Lehmboden; in dem anderen stellte er sechs Pithoi mit verkohlten Feigen fest. Eine Mauerecke aus großen Konglomeratblöcken an den westlichen Abhängen des Hügels bildete möglicherweise eine Terrassenmauer dieses Gebäudekomplexes, der sowohl im Hinblick auf seine Strukturierung als auch auf seine konkrete Datierung innerhalb der Spätbronzezeit bis heute nicht ausreichend erforscht ist. Ein Ziel der neuen Forschungen besteht in der Dokumentation des noch erfassbaren architektonischen Bestands und der Erschließung der Chronologie der Nutzungszeit der Gebäudestrukturen.

Kakovatos Geländemodell Konkrete Vorarbeiten für eine Ausgrabung sind im Jahr 2009 durch die Organisation und Durchführung einer intensiven Prospektion des Geländes geleistet worden, die von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert wurden. Zunächst galt es, eine Bestandsaufnahme des Vorhandenen durchzuführen: Dazu wurden aktuelle Pläne des Geländes hergestellt, die sichtbare gebaute Strukturen vermessungstechnisch dokumentieren. Mit Hilfe geophysikalischer Untersuchungen wurde die Ausdehnung der antiken Bebauung erschlossen. Geländebegehungen in der weiteren Umgebung der Stätte dienten schließlich der Feststellung archäologischer Zeugnisse, um das unmittelbare Umfeld von Kakovatos siedlungsgeschichtlich zu beurteilen. Die Auswertung der geophysikalischen Messungen legt nahe, dass sich Reste antiker Baustrukturen vor allem auf der Akropolis von Kakovatos konzentrieren, wo entsprechende Anomalien vor allem im Westen des Plateaus zu beobachten sind. Hier liegen auch die bereits von Dörpfeld wenigstens teilweise ausgegrabenen Mauerzüge. Im Osten der Akropolis und in der Senke sind keine zusätzlichen Strukturen aufgefallen, die mit antiker Bebauung in Zusammenhang zu bringen sind. Die Ergebnisse der Geophysik standen im Einklang mit dem Fundaufkommen auf dem gesamten Hügel und seiner unmittelbaren Umgebung, das sich mehrheitlich im Westen des Akropolisplateaus konzentrierte.

 Kakovatos 2011-12010 begannen Ausgrabungen auf der Kuppe des Hügels am westlichen und nördlichen Rand des Plateaus, die mit Hilfe eines von der DFG geförderten Drittmittelprojektes finanziert werden. Sie finden im Rahmen einer Kooperation zwischen der 7. Ephorie für prähistorische und klassische Altertümer in Olympia unter der übergeordneten Leitung von Georgia Chatzi-Spilopoulou und dem Institut für Archäologische Wissenschaften der Universität Freiburg unter der Projektleitung von Birgitta Eder statt. Barbara Horejs (Österreichisches Archäologisches Institut Wien) ist durch eine wissenschaftliche Kooperation ebenfalls mit dem Projekt verbunden. 

Auf der Akropolis von Kakovatos wurde 2010 das massive Mauereck eines frühmykenischen Gebäudes (M) freigelegt, das bereits durch die Grabungen W. Dörpfelds teilweise aufgedeckt worden war. Hier konnten die Reste eines Kieselbodens nachgewiesen werden, und verbrannte Keramik und Vorratsgefäße weisen auf eine Zerstörung durch Feuer hin. Die Keramik deckt das für eine Siedlung typische Gefäßspektrum an Fein-, Haushalts- und Kochkeramik sowie Vorratsgefäßen ab.

In der Kampagne 2011 konnte die Datierung dieses Zerstörungshorizonts auf die 2. Hälfte des 15. Jh.s v. Chr. (SH IIB) präzisiert werden: Aus der Verfüllung einer Grube entlang der Südmauer stammen die Scherben eines sog. ephyräischen Bechers, der hier noch vor der endgültigen Brandkatastrophe mit anderen Gefäßen deponiert wurde. Die weitere Untersuchung dieser Grube zeigte, dass sie durch einen großen Pithos gebildet wurde, der in direkter Verbindung mit einem Kanal im Südwesten des Gebäudes stand. Dieser Kanal dürfte ursprünglich der Ableitung von Flüssigkeiten aus dem Pithos innerhalb des Gebäudes gedient haben. Westlich des Kanals bilden die Reste einer schmalen Mauer wahrscheinlich die westliche Begrenzung des Gebäudes, während der Abschluss im Norden aufgrund der abbrechenden Geländekante unklar bleibt.

Der Abbau des Kieselbodens brachte den Nachweis eines älteren Nutzungshorizontes in der Form zweier kleiner Stellen mit älteren Kiesellagen. Vor der östlichen Mauer lag unter dem Kieselboden eine vollständig erhaltene bronzene Doppelaxt. Kakovatos 2011-2

Westlich dieses Gebäudes wurde 2011 eine weitere Grabungsfläche angelegt, wo drei Mauern den südöstlichen Teil eines weiteren Gebäudes bilden, dessen restliche Mauern aufgrund der Hanglage der Erosion zum Opfer gefallen sind. Zwischen den erhaltenen Mauern wurde ein durch Feuer gehärteter Lehmversturz über einem mit Kieseln befestigten Boden angetroffen. In dieser Schicht lagen drei Pithoi und mehrere Gefäße in situ. Intensive Konzentrationen verkohlter Feigen stammen aus dem Erdmaterial in und vor allem um die Pithoi.

Bereits durch Dörpfelds Grabungen war ein aus großen Steinblöcken errichtetes Mauereck (N) weiter westlich am Abhang des Hügels bekannt, dessen Funktion möglicherweise als Stützmauer des darüber liegenden Gebäudekomplexes zu begründen ist. Die Außenschale wird durch bis zu über 1 m große Mergel-, Konglomerat- und Muschelkalkblöcke gebildet und beeindruckt durch ihre "kyklopischen" Dimensionen. Diese Mauer ist möglicherweise eine turmartige Bastion, war aber wahrscheinlich nie Teil einer umlaufenden Befestigungsmauer.

Auch die Untersuchung dieses Bereichs am Westabhang des Hügels erbrachte im Rahmen der Kampagen 2011 neue Ergebnisse:Trotz der intensiven Erosion und Ablagerung von Schwemmschichten in diesem Bereich gelang es, eine Grube freizulegen, deren Inhalt die Errichtung der großen Mauer wahrscheinlich auch in die Periode SH IIB (2. H. 15. Jh. v. Chr.) datiert. Diese Mauer steht in einem logischen Zusammenhang mit der Errichtung der Gebäude auf dem darüber liegenden Plateau und bildete daher wahrscheinlich den Teil einer bewusst geplanten Gesamtanlage. Die schlecht erhaltenen Teile weiterer Mauerstücke nördlich der großen Mauer sind möglicherweise mit einem Zugang auf die Anhöhe zu verbinden.Kakovatos 2011-3

Die Feldforschungen wurden 2011 vorläufig beendet, während die Aufarbeitung der Funde kontinuierlich fortgesetzt wird. Gleichzeitig erfolgt die Aufarbeitung der alten Funde aus den Tholosgräbern von Kakovatos, die sich im Nationalmuseum von Athen befinden, unter aktuellen Perspektiven durch Christine de Vree im Rahmen ihres Dissertationsprojekts. In Zusammenarbeit mit den griechischen Kollegen Kostas Nikolentzos und Panagiotis Moutzouridis gilt eine weitere Perspektive der Aufnahme der mykenischen Keramik aus anderen Fundorten Triphyliens (Epitalion, Kleidi-Samikon, Ag. Dimitrios), um die Funde aus Kakovatos in eine regionalen Kontext einordnen zu können.

 

 

Förderung:

Logo Gerda Henkel Stiftung 
Logo DAILogo Griechisches Kultusministerium 
DFG 

               

                                                                          

 

Bibliographie:

Alte Grabung

W. Dörpfeld, Tiryns, Olympia, Pylos, Athenische Mitteilungen 32, 1907: VI-XVI.

W. Dörpfeld, Alt-Pylos I: Die Kuppelgräber von Kakovatos, Athenische Mitteilungen 33, 1908: 295-317.

K. Müller, Alt-Pylos II: Die Funde aus den Kuppelgräbern von Kakovatos, Athenische Mitteilungen 34, 1909: 269-328.

W. Dörpfeld, Alt Pylos III. Die Lage der homerischen Burg Pylos, Athenische Mitteilungen 38, 1918: 47-139.

Diskussion des Siedlungsplatzes

M. J. Boyd, Middle Helladic and Early Mycenaean Mortuary Practices in the Southern and Western Peloponnese, BAR International Series 1009, Oxford 2002: 189-190.

B. Eder, Zur historischen Geographie Triphyliens in mykenischer Zeit, in: F. Blakolmer – G. Nightingale – C. Reinholdt – J. Weilhartner (Hrsg.), ‘Österreichische Forschungen zur Ägäischen Bronzezeit 2009’. Tagung vom 6. bis 7. März 2009 am Fachbereich Altertumswissenschaften der Universität Salzburg, Wien 2011, 105-117.

K. Kilian, Zur Funktion der mykenischern Residenzen auf dem griechischen Festland, in: R. Hägg – N. Marinatos, The Function of the Minoan Palaces, Proceedings of the Fourth International Symposium at the Swedish Institute in Athens, 10-16 June, 1984, Skrifter utgivna av svenska institutet i Athen, 4°, 35, Stockholm 1987: 33 mit Abb. 9

K. Kilian, L’architecture des residences mycéniennes: origine et extension d’une structure du pouvoir politique pendant l’âge du Bronze Récent, in: E. Lévy (Hrsg.), Le système palatial en Orient, en Grèce et à Rome, Actes du Colloque de Strasbourg, 19-22 juin 1985, Université des sciences humaines de Strasbourg, Travaux du centre de recherche sur la Proche-Orient et la Grèce antiques, 9, Strasbourg 1987: 212 mit Abb. 8

J. Rambach, in: X. Arapogianni – J. Rambach – L. Godart, Kavkania: Ergebnisse der Ausgrabung von 1994 auf dem Hügel von Agrilitses, Mainz 2002: 164-166.

Vorberichte der Kampagnen 2009-11

Jahresbericht 2009, Archäologischer Anzeiger 2010-1 Beiheft, 104-106.

Jahresbericht 2010, Archäologischer Anzeiger 2011-1 Beiheft, 95-97.

Jahresbericht 2011, Archäologischer Anzeiger 2012-1 Beiheft, 92-4.

Archaeological Reports 56 (2009-10) 51-52.

Archaeology in Greece Online: http://chronique.efa.gr/index.php/fiches/search/

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